Wir dürfen's nicht wieder vermasseln

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 Heut hat er wieder mal Geburtstag, der Cecco Beppe oder alte Prohaska. Es hätt' ihn sehr gefreut zu sehen, dass junge Mitteleuropäer sein Reich heute weit positiver sehen als die vorangegangen Generationen und das nicht ganz zufällig seit Brexit und Co.

"Vor hundert Jahren waren wir ein Land." "Osztrák-Magyar Monarchia war gute Sache". „Estreich-Ungarn war kleine EU." „Ich bin slowenischer Triestiner, aber am ehesten fühl ich mich als Europäer und Altösterreicher." – Vier Sätze aus vier Gesprächen dieses Sommers, geführt mit einem 25jährigen slowakischen Winzer in der Pressburger Markthalle, einem ungarischen Architekturstudenten am Plattensee, einer befreundeten tschechischen Musikerin zuhause in Niederösterreich und einem Triestiner im besten Alter, den es aus der Hafenstadt nach London und über Wien wieder zurück nach Triest verschlagen hat, im Theatercafé von Piran. Dass sich die mitteleuropäischen Völker von ihrem gemeinsamen Reich verabschiedet haben, ist fast hundert Jahre her, wie kommt es, dass junge Leute zwischen Reichenberg-Liberec, Kotor-Cattaro und Czernowitz-Tscherniwzi ihm noch eine gute, ja immer bessere Nachred' angedeihen lassen? 

auch in Budapest ... (Foto © Josef Wallner)

Ist die Wahrheit eine Tochter der Zeit, ist`s die Geschichte erst recht. Wie wir die Vergangenheit sehen, sagt mehr über uns aus als darüber, wie es wirklich war. Und überhaupt: Wie war es denn wirklich? Das werden wir so genau nie wissen, so sehr wir uns eine endgültige Interpretation der Geschichte auch wünschen. Über das Heute sind wir uns ja auch nicht einig, warum sollten wir es dann über das Gestern sein? Deckel drauf und passt – das spielt's nicht.
Und doch nimmt ein Bild des alten Österreichs schärfere Konturen an, das jahrzehntelang nur sehr verschwommen sichtbar war. Der Blick darauf ist in den verschiedenen Regionen Mitteleuropas noch immer sehr verschieden. In Österreich wird er, abseits der Wissenschaft, meist bestimmt durch Klischee und Vorurteil und dem diesen beiden zugrundeliegenden Nichtwissen (wollen). Das Klischee bedienen wir mit Sisi, Franzl und Resl und das „uns" einmal Triest gehörte. Das Vorurteil ist volatil auf einer Achse von links nach rechts.

Viel spannender, als Sisis Hungerkuren, Franzls Pantscherln und Rudolfs Selbstmord immer wieder auf nicht mehr auffindbare neue Aspekte zu untersuchen, wäre die Beschäftigung mit den Mechanismen der damaligen Politik, der Engstirnigkeit, dem Egoismus und, obwohl ich das Wort nicht mag, dem Populismus der politischen Parteien und ihrer Führer und den unbefriedigenden, zu oft zu simplen Antworten, die sie auf die Herausforderungen einer sich rasant verändernden Welt (kommt Ihnen das bekannt vor?) gefunden haben.  

Auch in Krakau noch ein Zugpferd (Foto © Josef Wallner)

Das heißt nicht, die Rolle des heutigen Jubilars an der Entwicklung seines konstitutionellen Reiches zu verniedlichen und schon gar nicht seine furchtbare Verantwortung für die Kriegserklärung anno 1914 zu negieren, diese kann ihm keiner nehmen und schmälert seinen Verdienst, mit einer zur Perfektion gereiften Regierungskunst des Fortwurstelns, den Bürgerinnen und Bürgern dieses fragilen mitteleuropäischen Gebildes eine sichere Grundlage für ihr Leben und Fortkommen geboten zu haben.

Leben hätt' ich aber nicht wollen zu der Zeit. Zu weit weg sind die damaligen Vorstellungen von (zur Schau getragener) Moral und hierarchischer Gesellschaft von den meinen. Man soll aber bitte nicht unsere heutigen demokratischen Standards und unsere Vorstellungen von Gleichberechtigung, sozialer Wohlfahrt und liberaler Gesellschaft zum Maßstab für die damalige Zeit nehmen. Weit lohnender ist ein Vergleich des damaligen Frankreichs und Großbritanniens mit der Monarchie – in vielem schneidet das alte Österreich, die ungarische Reichshälfte weniger, nicht so schlecht ab.

Das alte Triestiner Lied Viva la A (Foto © Josef Wallner)

Das größte Verdienst des alten Österreichs war es, seine lieben Völker davon abzuhalten, sich gegenseitig umzubringen, was sie in den Jahrzehnten nach dem Zerfall der Monarchie bis zum Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre immer wieder taten. In vielem war der Kaiser nur Symbol, für die (kleinen) Völker aber war er der Garant ihrer Sicherheit oder wurde zumindest als solcher betrachtet, was fast eben so viel wert war. Natürlich hat auch dieses Bild ein paar Kratzer. Als ungarischer König kam er gegen den Magyarisierungsdruck nicht auf, den die sehr schmale und das Land in einem System aus Korruption und Chauvinismus beherrschende ungarische Oberschicht, die sich immer auf ihre uralte Verfassungstradition ausredete, welche aber gar nichts mit den Vorstellungen eines modernen Gemeinwesens des ausgehenden 19. Jahrhunderts gemein hatte, auf Slowaken, Rumänen, Serben, Deutsche und auch Kroaten ausübte. Dem rasanten Aufschwung, getragen vom jüdischen Großbürgertum, den die ungarische Reichshälfte und insbesondere die Städte zwischen 1867 und 1914 nahmen, ist aber bis heute Hochachtung zu zollen. Auch in der österreichischen Reichshälfte war diesbezüglich nicht alles paletti, auch wenn auf dem Papier alle Bürger und Nationen gleichberechtigt waren. So begünstigten Wahlkreiseinteilungen Deutschsprachige (aber auch die Italiener) gegenüber den Slawen und insbesondere auf der politischen Ebene der Kronländer versuchten die Deutschen (und wiederum auch die Italiener) ihre traditionelle Vormachtstellung weiter abzusichern. Nicht selten war die Furcht vor wachsender ökonomischer Potenz der Slawen dafür der wahre Grund. Der Staat, also die Wiener Ämter und Ministerien, versuchten hier durchaus ausgleichend zu wirken und klopften Landesgerichten und Schulverwaltungen auf schon einmal gehörig auf die Finger. Wenn es nicht anders ging, spielte man halt die einzelnen Volksgruppen gegeneinander aus, um das für den Gesamtstaat wünschenswerte Ziel zu erreichen oder unterstützte in dem einen Kronland die Slawen und dem anderen die Italiener. Jahrhundertelang geübte österreichische Elastizität und Wendigkeit eben...

Da wurde es einem Ischler wohl zuviel ... (Foto © Josef Wallner)

In Österreich beherrschen also k. u. k., Kitsch und Kommerz, die franzisko-josefinische Erinnerungskultur. In den anderen Nachfolgestaaten kommen diese beiden erst langsam wieder zum Tragen. So prangt des Kaisers Konterfei auf einem polnischen Mineralwasser, das von Sisi ist auf dem slowakischen Konkurrenzprodukt zu finden, und kein Triestiner Souvenirshop kommt ohne den unglücklichen Maxl aus Mexiko aus. Weit präsenter ist aber die Erinnerung an wahre oder vermeintliche altösterreichische Errungenschaften. Zugegeben auch diese Erinnerung ist zu einem gerüttelt Maß Klischees und Nichtwissen geschuldet, aber dennoch, sie hat einen anderen, ernsthafteren Kern. Grundbuch, die gute Verwaltung, über die damals, als es sie gab, übrigens hinlänglich geklagt wurde, das Schulwesen, die Karstaufforstung und – immer häufiger zu hören – das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten in einem Raum. (Hat man Regionen oder Staaten durch Mord und Vertreibung von Minderheiten einmal zu weitgehend monoethnischen Räumen gemacht, dann ist es gefahrlos, der verloren gegangenen Vielfalt nachzutrauern. Der Kampf um Kultur, Sprache und vor allem die Plätze an den Futtertrögen ist entschieden.)

Ein Hoch auf den Jubilar in Görz (Foto © Josef Wallner)

In Österreich gibt es diese Erinnerungen nicht. Wahrscheinlich brauchen wir sie nicht. Wir hatten das Glück, bis auf die Zeit der ausgehenden Ersten Republik und des Dritten Reichs, in einem demokratischen, bei allen Raunzereien sehr gut funktionierendem Rechtsstaat zu leben. Von den übrigen Völkern der Monarchie teilten wir dieses Glück nach dem Zweiten Weltkrieg nur mit den Italienern. Unser politisches System hat sich, sehr wohl auch auf jenem der Monarchie fußend, weiterentwickelt. Wir brauchten nicht zurückschauen. Wir haben ein Österreichbild aufgebaut und verinnerlicht, das abgesehen von k. u. k., diesmal soll das zweite k fairerweise für Kultur und nicht Kommerz stehen, nichts mehr mit dem alten zu tun hat. Und das ist auch gut so. Nur schämen brauchen wir uns deswegen für das alte Österreich nicht. Manchmal macht es den Eindruck, als ob es ein wenig so wäre. Lobt ein Weinbauer in irgendeinem slowenischen Keller das alte Österreich, das die Eisenbahn durch die Untersteiermark und Krain nach Triest gebaut habe und in dem seine Urgroßmutter in vier Sprachen parlierte, so lächeln wir ein bisschen verschämt… Nur ja nicht zu viel Gutes dazu sagen, sonst ist man gleich gar als Monarchist verschrien. Andere wissen wiederum gar nichts darauf zu erwidern, weil sie von der Südbahn und der jahrhundertelangen Verbindung des heutigen Sloweniens mit Österreich nichts wissen. Die Personen wechseln wie die Erzählungen und die Orte, aber sonst gleichen Gespräche und die Reaktionen der Gesprächspartner einander. Das habe ich oft beobachtet, auf vielen Reisen von Böhmen über Siebenbürgen bis hinunter nach Dalmatien.

Es war einmal ... (Foto © Josef Wallner)

Derzeit drängen Historiker aus dem angelsächsischen Raum auch uns Österreicher dazu, auf das alte Reich einen neuen Blick zu werfen. Nationalitätenkonflikte? – Geh wo, net so schlimm, mit dem mährischen und galizischem Ausgleich sei man auf gutem Weg gewesen. Politischer Stillstand, ein Reich in Agonie? Man schaue sich doch bitte die Zahlen an, die sprechen eine andere Sprache….

Liest man Tagebücher aus jener Zeit, die von Josef Redlich, dem letzten k.k. Finanzminister, lege ich Ihnen sehr ans Herz, oder die zeitgenössische Memoirenliteratur, zeigt sich eher das gewohnte Bild des kranken Mannes an der Donau. Aber vielleicht sind die Kakanier auch nur Opfer ihrer eigenen Suderei geworden. Und wann wurde in Österreich nicht gern gesudert? Irgendwann haben sie an das, was zuerst nur so dahin gejammert war, tatsächlich geglaubt – und damit den Glauben verloren an den Weiterbestand dieses einmaligen, spießigen, aber in Vielem verrückten und genialen Reichs.

Ja, vielleicht sind wir zu lange der nationalgetönten Geschichtsschreibung auf den Leim gegangen, den Völkerbefreiern und Nationalhelden. Wie würden wir sie heute einordnen, die Herren an der Moldau, der Save und den Gestaden der Adria? Waren sie die Brexiter des alten Reiches? Gewiss, Geschichte wiederholt sich nicht und jeder Vergleich hinkt in der Historie. Die gewichtigsten dieser Herren haben es sich auch nicht leicht gemacht, das alte Reich zu verlassen, sie wussten auch von den Problemen, die damit heraufziehen werden. Vertrieben hat sie das Regime, das das alte Österreich im Krieg aufgezogen hat, nicht an der Front, sondern im Hinterland – mit einer Militärverwaltung, die man in Vielem verbrecherisch zu nennen berechtigt ist.

Heute ein Comic-Held in Triest (Foto © Josef Wallner)

Der slowenische Freund aus Veldes-Bled, dort, wo es die Kirche im See und die so gut vermarkteten Cremeschnitten gibt (ein Tipp: die in Samobor bei Agram-Zagreb sind weit besser), erzählte es nicht nur einmal: Die Großeltern seien noch richtig österreichisch gewesen, nicht nur wegen Gamšbart und der Fanny-Tant in Graz. Im Denken und Fühlen, im Sprechen sowieso, der Oberkrainer Dialekt ist bis heute ein Teppich mit vielen austriazistischen Fleckerln, seien sie unleugbar dem großen mitteleuropäischen Reich zugehörig gewesen, auch wenn sie es bewusst kaum mehr erlebt hätten.

Wie anders tickten die Eltern, die bis heute, auch wenn sie mit seiner Politik nie etwas am Hut gehabt hätten, Kinder von Titos Jugoslawien seien. Und er, der Enkel und Sohn? Europäer, na klar, sozialistische Parolen dringen schon lange nicht mehr an sein Ohr und vom ewigen slowenischen Trauma, hier Partisanen, dort Domobranzen, will er erst recht nichts wissen. In der Beurteilung des alten Österreich ist er, der seit Jahren in Wien, der zweiten Hauptstadt der Slowenen, wie mir ein Historiker aus dem Küstenland versicherte, den Großeltern näher als den Eltern. Er trauert ihm nicht nach wie erstere, verdammt es nicht wie letztere, sondern sieht es mit den Augen des EU-Bürgers, der auch mit vielen Nationalitäten, wenn auch nicht in einem Staat, so doch in einem politischen und wirtschaftlichen Verbund zusammenlebt.

Und auch in diesem Verbund geht es nicht ohne Fortwursteln, ohne die Politik der kleinen Schritte, ohne die Aufgabe, nationale Populisten in Zaum zu halten und nicht ohne, vielleicht manchmal übers Ziel hinausschießende, zentrale politische Entscheidungen. Vor diesem Hintergrund und der nochmaligen Feststellung, dass jeder Vergleich halt doch ein bissl hinkt, ist dem alten Kaiser wieder ein wenig Respekt zu zollen, dieses komplexe Reich mit 52 Millionen Bewohnern in Großem und Ganzem zu deren Wohle zusammengehalten zu haben. Zum Schluss sind ihm leider die Nerven durchgegangen mit fatalen Folgen für die Menschen seines Reiches und beinahe die ganze Welt.

wirkt noch immer sehr seriös ... (Foto © Josef Wallner)

Der slowenische Freund ist genau so wenig Monarchist wie ich es bin. Die Vorstellung ist mir unerträglich, einen Menschen nur aufgrund seiner Geburt als Staatenlenker anzuerkennen, wenn damit mehr als repräsentative Aufgaben verbunden sind. Wir brauchen nicht einen Hauch an Paternalismus. Der mitteleuropäische Verbund hätte aber auch ohne Habsburger fortbestehen können, auch wenn diese das anders gesehen haben. In der Umbruchszeit des Jahres 1918 bemühte man sich deutschösterreichischerseits auch darum, selbst der Staatskanzler, bevor er auf die deutsche Karte setzte. Allein nördlich, südlich und östlich von Wien wollte das niemand mehr. Zu viele Verletzungen? Keine Lust, sich an einen Verlierer zu ketten? Nationalismus? Die Vorstellung, dass es mit anderen, Südslawen oder Italienern, besser klappt? Wahrscheinlich war es von allem etwas. Rational, aber wann ist Politik oder selbst die Ökonomie schon rational, war es eher nicht.

Vielleicht hat sich das insgeheim der eine oder andere der Nationalbewussten nach dem Umbruch auch gedacht, wenn er in der Eisenbahn von Brünn nach Wien gesessen ist und die Fahrt auf einmal um etliches länger dauerte als ein paar Wochen zuvor. Denn auf einmal gab es da eine Grenze mit Zollrevision, Devisenbeschränkungen und all den Dingen, die Nationalstaaten eben brauchen. Ob diese Gedanken einem Brexiter auch einmal durch den Kopf gehen werden? Vielleicht hinken historische Vergleiche doch nicht immer.

Der Slowake aus Pressburg, die Tschechin aus Troppau, der Ungar aus Budapest und der Triestiner sind sich daher jedenfalls einig: Wir dürfen's nicht wieder vermasseln.

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