Enricos Reisenotizen

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Kleiner Berg ganz groß

Kleiner Berg ganz groß

Eine Herbstwanderung auf den Donatiberg

Unser Land hat wahrlich genug an Bergen und Hügeln zu bieten, von sanft bis schroff und von rund bis spitz. Warum sollten Sie trotzdem ein Stück über unsere südliche Landesgrenze fahren und einen nicht einmal 900 Meter hohen Berg besteigen? Weil Sie von den Gipfeln des Donatibergs vielleicht halb Mitteleuropa überblicken und ein wenig über den Dingen stehen können, was in Zeiten wie diesen Hirn und Seele nur gut tun kann.

Auf zu Rudis Hütte (Foto © Norbert Eisner)

Und wieder einmal passieren wir die österreichisch-slowenisch steirische Grenze bei Spielfeld. Durch das schmale Zirknitz- und das breite Pössnitztal mit dem langgezogenen Viadukt der Südbahn geht's an Marburg-Maribor vorbei. Die Hauptstadt der slowenischen Steiermark wird im Norden eingerahmt von den Ausläufern der Windischen Büheln, überzogen mit golden schimmernden Weinstöcken, die sich Kalvarien- und Pyramidenberg hinaufziehen. Ein Herbstbild, wie es prächtiger nicht sein könnte. „Ach ja! Wären wir wo anders, in Frankreich oder Italien, in Ägypten oder Amerika, unsere südsteirischen Herbste Tage wären längst eine Weltberühmtheit und Tausende von Fremden würden sich an der fast mit jedem Tage sich verändernden Pracht ihrer Farben und an ihrer sonnigen Milde erfreuen." So schwärmte eine südsteirische Schriftstellerin schon anno 1916. Wobei, notabene, mit südsteirisch die damalige Untersteiermark, die heutige slowenische Steiermark, gemeint war. Unsere Südsteiermark zählt historisch zur Mittelsteiermark. Die beste Zeit für einen Besuch der Untersteiermark ist somit der Herbst, der, um wieder eine literarische Anleihe zu nehmen, „nirgends so schön ist, wie im steirischen Unterland, dessen geheimen Offenbarungen man lauschen muß beim Zirpen der Grillen, bei den sanften Liedern des Klopotez. Goldgelb glänzt der Wein in den Gläsern, appetitlicher Duft entsteigt den dampfenden Kastanien…" Gut, dass sich daran nichts geändert hat.

Der Donati von Rohitsch – Sauerbrunn gesehen (Foto © Norbert Eisner)

Der steirische Wein verdankte einst seinen Ruf übrigens nicht den heute so bekannten Lagen, sondern jenen in der Untersteiermark. Die besten Weinlagen des alten Herzogtums Steiermark-Štajerska gilt es nun wieder zu entdecken. Sie reichen in den Windischen Büheln-Slovenske gorice von der österreichischen Grenze bis hinunter nach Luttenberg-Ljutomer und Jerusalem-Jeruzalem und flankieren in der Kolos-Haloze das Drautal südlich von Pettau-Ptuj bis an die kroatische Grenze. Auf der steirischen Seite des Save- und Sottlatals haben die Böden rund um Wisell-Bizeljsko und die Abhänge des Schremitschbergs-Sremič hohes Potenzial, ebenso wie jene des Bachern-Pohorje von Windisch-Feistritz-Slov. Bistrica bis Gonobitz-Slov. Konjice. 

Kurz nach Marburg verlassen wir die slowenische A1 und auf der A4 geht's in Richtung Pettau-Ptuj. Von nun an können wir schon das Ziel unseres Sonntagsausflugs ins Visier nehmen. Es ist der breite Rücken des Donatibergs, der Donačka gora. Ehrlich gesagt, spektakulär wirkt der Berg von hier aus betrachtet noch nicht. Aber wir bleiben gespannt. Schließlich gibt es in unseren alten Reiseführern, die wie stets auf unseren Mitteleuropareisen die Begleiter sind, wahre Elogien auf den Donati. Er sei der „Glanzpunkt in der Landschaft" und die „Rigi der Kurgäste Rohitsch-Sauerbrunns". (Der berühmte Berg weiblichen Geschlechts am Vierwaldstätter See stand bei den frühen Touristikern als Synonym für alpine Herrlichkeit hoch im Kurs.) Für uns schaut er vorerst dem Schöckel gleich. Westlich vom Donati erhebt sich der Wotsch-Boč, einem ebenso beliebten Wanderziel wie der Donatiberg, der mit einer botanischen Rarität aufwartet: Hier ist der einzige Ort in Mitteleuropa, an dem die lila blühende Osterblume wächst. Man findet sie unterhalb der Wotsch-Hütte (es gibt eine Hinweistafel).

Das prächtige Kurhaus von Rohitsch Sauerbrunn (Foto © Josef Wallner)

Über das Draufeld geht es Pettau-Ptuj zu. Die älteste steirische Stadt hat, auch wenn's abgedroschen klingt, italienisches Flair und lohnt, verbunden mit einer Tour in die untersteirischen Weinberge oder das kroatische Zagorien-Zagorje, in jedem Fall einen Wochenendtrip. Bei der Ausfahrt Hajdina (deutsch Haidin) verlassen wir die Autobahn in Richtung Ptujska gora (Maria Neustift). Die Landschaft des Draufeldes als spektakulär zu bezeichnen, wäre kühn. Sie erinnert eher an die Gegend rund um Fürstenfeld. Zu entdecken gibt es trotzdem etwas, denn in Haidin befindet sich eine der ersten Mithras-Kultstätten aus dem zweiten Jahrhundert n.Chr. Die Ausgrabungen zeigen von der gewissen Bedeutung, die Poetovio, das römische Pettau, hatte. Immerhin wurde in der damals 40.000 Einwohner zählenden Stadt Vespasian zum Kaiser ausgerufen. Aber das gehört zu Pettau und das ist wieder eine andere ask-enrico-Geschichte. 

Geschichtsträchtig ist auch der Boden von Kidričevo, benannt nach Boris Kidrič. Dieser war, 1912 in Wien als Sohn eines Literaturkritikers geboren, einer der wichtigsten Partisanenführer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er erster Präsident der slowenischen Regionalregierung. Seine Denkmäler stehen heute noch in Laibach und Marburg, trotz so mancher daran geäußerter Kritik. (Das heutige Slowenien trägt noch immer schwer an den Kämpfen, blutig oder ideologisch, in der Kriegs- und Nachkriegszeit.) Den deutschsprachigen Untersteirern war der Partisanenführer jedenfalls schlecht gesonnen. Im Juni 1945 forderte er: „Aus den nördlichen Gebieten müssen die Reste des Deutschtums verschwinden. Es ist unzulässig, daß diese Reste noch auf slowenischer und jugoslawischer Erde spazieren gehen. Diese Leute, die mithalfen unser Volk zu versklaven, diese Leute dürfen nicht mehr hier bleiben."

Donati im Nebel (Foto © Norbert Eisner)

Früher hieß Kidričevo nach einem hiesigen Dorf Sterntal-Strnišče. Hier hielt in der weiten Ebene einst das k.u.k. Militär seine Schießübungen ab und noch immer existiert ein österreichisch-ungarischer Militärfriedhof. Im Ersten Weltkrieg wurden in den Baracken Kriegsgefangene interniert, später Flüchtlinge aus dem Küstenland, die von der nahen Isonzofront evakuiert worden waren. Der Name des Ortes stammt nicht von einem Stern, sondern von Stör, was so viel wie Schafsbock bedeutet. In Sterntal befand sich eines der Lager, in das Tausende Deutschsprachige 1945 verschleppt worden waren. Zuvor war hier allerdings von den Nazis ein „Sonderdienstpflichtigenlager" für „nichteindeutschungsfähige" Slowenen errichtet worden. Was sich nach Kriegsende in Sterntal abspielte, war eines jener Verbrechen, die das alte Mitteleuropa 1945 endgültig zerstörten: „Als wir nach Sterntal kamen, war alles voll allerliebster kleiner Kinder, dann wurde es stiller und stiller, und die Kinder, die früher lustig auf der Straße umhergesprungen waren, konnten nicht mehr laufen, nicht mehr sitzen, nicht mehr gehen. Sie kamen uns vor wie Blumen, die man nicht mehr gießt und die alle ihre Blätter und Blüten hängen lassen. Schließlich wurden die armen Kinder umhergetragen und hatten ihr kurzes, frisches, blühendes Leben bald ausgehaucht…", schrieb Helena Gräfin Fünfkirchen, nachdem sie dem Lager, nach der vom Internationalen Roten Kreuz erzwungenen Schließung, entkommen war. 

Bei der Fahrt durch die Ebene, Maria Theresia wollte hier wie am niederösterreichischen Steinfeld einen Kieferwald pflanzen, sieht man schon von weitem den barocken Turm von Maria Neustift in die Höhe ragen. Der Versuchung einen Abstecher zu dieser Kirche, die landläufig als schönste der Untersteiermark gilt, zu unternehmen, widerstehen wir nicht. Viele Geschichten ranken sich um die Kirche von Ptujska gora, so soll Maria die Kirche in eine dunkle Wolke gehüllt haben, um sie vor einem Angriff der Türken zu schützen. Nun, die Türken ließen sich davon offensichtlich nicht abhalten, wie an so manch verstümmelter Statue zu erkennen ist. (Hexen- und Türkengeschichten sind wahrscheinlich die beliebtesten Stories in der alten Untersteiermark gewesen.)

Es war einmal … (Foto © Norbert Eisner)

Heute besuchen rund sechzigtausend Menschen jährlich Maria Neustift, das in der Monarchie als zweitwichtigster Wallfahrtsort der Steiermark nach Mariazell galt. Prunkstück der Kirche ist die Schutzmantelmadonna, die seit den Zeiten der Gegenreformation als Hochaltar dient. Zuvor war sie über dem Kirchenportal angebracht. Unter ihrem Mantel finden sich zweiundachtzig Figuren und Porträts historischer Persönlichkeiten und von Mitgliedern des Minoritenordens, der bis zum heutigen Tag die Pfarre betreut. Neben der Schutzmantelmadonna sticht in der Südapsis eine grandiose Steimetzarbeit ins Auge, der Baldachinaltar Friedrich II. von Cilli. Auch die übrige Ausstattung bietet Kunstliebhabern interessante gotische und barocke Malereien, Schnitzereien und Steinmetzarbeiten. Die Steinmetze haben sich mit ihren „Unterschriften" auf allen ihren Stücken verewigt. Über tausend dieser Steinmetzzeichen werden gezählt. Rund um die Kirche bietet sich ein typisch altösterreichisches Bild. Pfarrhof, Kirchenwirt (heute eher ein Café) und die Heiligen Florian und Johann Nepomuk, die die schöne Barocktreppe zur Kirche hinauf flankieren. 

Von Maria Neustift geht es nach Monsberg-Majšperk mit dem Schloss Hammer-Hamre im Ortsteil Breg. Das Schlössl war einmal eine Hammerschmiede im Besitz der Pettauer Minoriten, später wurde es barockisiert. Über dem Ort thronte einst die Burg Monsberg, auf der Paolo Santonino, der Reiseschriftsteller des 15. Jahrhunderts, zu Gast war. Eigentlich wäre uns jetzt mehr nach einem der lukullischen Genüsse zumute, wie sie Santonino auf seiner Reise von Italien nach Mitteleuropa genossen hat, als auf einen Berg zu steigen. Aber zu spät, wir sind in Stoperzen-Stoperce angelangt, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung. Schon fast am Ende des Ortes weist uns das Schild Donačka gora im Ortsteil Kupčinji vrh den richtigen Weg zum Parkplatz. Einer Versuchung widerstehen wir dieses Mal: auf dem Bauernhof Golob einzukehren und uns dort mit untersteirischen Köstlichkeiten den Bauch vollzuschlagen.

Fast am Ziel (Foto © Josef Wallner)

Apropos untersteirisch. Jetzt, am Fuß des Donati, stellt er sich wieder ein, dieser untersteirische Zauber, der das Land zwischen Windischen Büheln und Save für uns so anziehend macht. Was macht ihn aus? Die Üppigkeit seiner Früchte, die vielen Schattierungen von Grün in seinen Wäldern, die Streuobstwiesen, die alte bäuerliche Architektur, oft heruntergekommen, oft verschandelt, aber trotzdem stimmig, das weniger ordentliche, aber vielleicht natürlichere Bild, welches das Land bietet? Wahrscheinlich ist es alles das zusammen und noch etwas Anderes, schwer Fassbares, das hier in der Luft liegt. In eben dieser befindet sich, geht es nach unseren slowenischen Freunden, ein gewisser Anteil an Alkohol, deshalb liege in der Untersteiermark der Promille-Grenzwert für Autofahrer über 0,5. Man muss nicht immer die Probe aufs Exempel machen, denken wir uns, obwohl die Bäuerin, zu deren Grund der Parkplatz für die Besteiger des Donati gehört, gleich nachdem wir eingeparkt hatten, mit einer Schnapsflasche gekommen war. Wir sollten uns doch stärken, vor dem Aufstieg… 

Auf Empfehlung unserer mit uns wandernden slowenischen Freunde wählten wir eine recht gemütliche Tour. (Andere Tourenvorschläge finden sich – auch auf Deutsch – zur Genüge im Internet, einige sind am Ende des Artikels verlinkt.) Die Gehzeit beträgt kaum mehr als drei Stunden, aber selbstverständlich planen wir mehr Zeit ein, schließlich gibt's auch eine Hütte am Donati. Diese erreichen wir schon nach einer halben Stunde Aufstieg durch einen schattigen Graben. Sie heißt Rudijev dom, also Rudis Haus, und steht auf einer schönen Wiese unterhalb der Donati-Steilhänge. Die richtige Stärkung verschieben wir auf später, nachdem wir den Gipfel erklommen haben, und begnügen uns jetzt mit einem Laško und einem Špricar. Jetzt, wo wir den drei Spitzen des Donati schon nah sind, dreht sich das Gespräch natürlich um diesen eigenartigen Berg. Für die Slowenen ist er einer ihrer Berge, auf dem die Hexen hausen. Wir blättern in unseren alten Reiseführern und lesen, was die österreichischen Reiseschriftsteller vor hundert und mehr Jahren über den Donatiberg schrieben: „Da an des Berges Spitze stets ein kühles Lüftchen weht, wird man gut tun, sich dagegen mit einem passenden Kleidungsstück zu versehen. Proviant mitzunehmen, dürfte kaum schaden." Okay, das haben wir schon einmal verabsäumt, aber wir stärken uns ja auf der Hütte.

Kleiner Berg, ganz groß (Foto © Josef Wallner)

Wir lesen weiter: „Der Berg ist auch geologisch und botanisch interessant; hier begegnen sich alpine und Mittelmeer-Flora. Da man am Fuße viele Römerfunde machte, u.a. Reste einer Straße gegen die Donatikirche zu, vermutete man früher, daß am Gipfel ein Tempel des unbesiegbaren Sonnengottes Mithras gestanden war; als dessen Nach¬folger eine Kirche des hl. Donatus gebaut worden sei; doch ist oben weder für das eine noch für das andere Bauwerk Platz. Im 15. und 16. Jahrhundert war oben eine Kreidfeuerstation gegen die Türken". Heute geht man davon aus, dass eine erste Kirche 1740 vom Blitz zerstört wurde. Ein Nachfolgebau wurde ebenfalls Opfer eines Gewitters. Angeblich hat der Blitz die Glocke den Berg hinuntergeschleudert, an jene Stelle, wo heute die Donati-Kirche steht. In der befindet sich auch die Donatusstatue aus der zerstörten Kirche. (Bei der kleinen Donatikirche kommen wir nicht vorbei. Man passiert sie, wenn man den Berg von St. Georgen-Jurij, über Schiltern-Žetale zu erreichen, besteigt.) 

„Merkwürdig verschieden ist der Anblick, den der Berg dem Beschauer von Sauerbrunn [Rogaška Slatina], von Rohitsch [Rogatec], von Pragerhof [Pragersko], von Pettau [Ptuj] und von Sauritsch [Zavrč] aus bietet: bald ist es ein Horn, bald ein langgestreckter Zug, dann wieder ein Pyramidenstumpf oder ein schöner Kegel." Wie wahr, und das ist eine der USP, auf die zweite kommen wir noch zu sprechen, dieses Berges. Man glaubt es kaum, dass ein- und derselbe Berg so verschieden aussehen kann.

Uros im gelben Shirt und seine Helfer (Foto © Norbert Eisner)

So, auf geht's, auf die Gipfel des Donati! Er hat deren drei. Unser erstes Ziel ist die östliche Spitze. Zuerst läuft der Weg auf weichem Waldboden nur langsam ansteigend dahin. Wir können uns kaum sattsehen und diesen Baumriesen, allesamt Buchen. Ist das der berühmte Urwald des Donatibergs, in dem seit 150 Jahren nicht mehr geschlägert wird? Nein, sagen unsere Begleiter, durch den kommen wir erst bei unserem Abstieg. Der Weg beginnt nun stark zu steigen. Irgendwie muss man schließlich auf diese paar Hundert Höhenmeter kommen, die den Sattel von den fast 900 Meter hohen Gipfeln trennen. 

An sich wär das trotzdem ein Sonntagsspaziergang, wenn nicht knapp unterhalb des östlichen Gipfels der Felsen so schroff wäre, dass wir uns ein kurzes Stück an einem Drahtzeil hochziehen müssen, und wir nicht Uroš Vidovic getroffen hätten. Der quirlige Vierziger, ehemals Geografieprofessor am Pettauer Gymnasium, ist Sloweniens Alpenvereinsvertreter bei der Europäischen Union, ein sehr guter Job, wie er uns verschmitzt lächelnd versichert. In gutnachbarschaftlicher Zusammenarbeit vertritt er des Öfteren auch den österreichischen Alpenverein in Brüssel. An den Wochenenden hat er in seiner untersteirischen Heimat aber noch anderes, Handfestes, zu tun. Gemeinsam mit seinem Vater setzt er in mühsamer Kleinarbeit die alten Wege auf den Donatiberg wieder instand. Dafür ist eine Menge an Werkzeug notwendig. Hacken, Schaufeln, Krampen und vieles mehr. All das muss auf den Berg. Uroš packt die Gelegenheit beim Schopf und teilt uns, ganz Lehrer – und noch dazu ist eine ehemalige seiner Schülerinnen, unsere Freundin Lidija, in unserer Wandergruppe – zum Tragen all dieser nützlichen Dinge ein. Und so kommen wir noch richtig ins Schwitzen.

Gedenktafel für Dr. Frölich (Foto © Josef Wallner)

Der bekannteste Pfad auf den Berg ist der Frölichweg, auch er wurde von Vater und Sohn Vidovic schon bestens saniert. Diesen in schmalen Schlangenwindungen verlaufenden Steig auf den Berg ließ der Kurarzt aus Rohitsch-Sauerbrunn-Rogaška Slatina E. H. Frölich anlegen. Er ließ im Jahr 1853 auch eine Eremitage am Gipfel des Berges bauen, die aber bald verfiel. Im Jahre 1884 wurde deshalb von der Sektion Rohitsch-Sauerbrunn des Österreichischen Touristenklubs eine Hütte errichtet, die auch schon lange wieder verschwunden ist. In Anerkennung seiner Verdienste wurde Frölich eine Gedenktafel unter dem Gipfel gewidmet, die aber, wie in einem Reiseführer aus k.u.k Zeiten vorwurfsvoll angemerkt wird, „in frevelhafte Weise zertrümmert und entfernt wurde." Heute hält eine Gedenktafel in slowenischer Sprache, angebracht an einer der mächtigen Buchen, das Andenken an den umtriebigen Kurarzt hoch. Wir werden ihr beim Abstieg über den Frölichweg die nötige Referenz erweisen, jetzt gilt es einmal, die Gipfel zu erklimmen. Zuerst wird, wie schon gesagt, der östliche bezwungen, er ist wilder und gefällt uns daher besser, dann sein westliches Gegenüber. Es trägt das Wahrzeichen des Berges, ein großes Steinkreuz mit der Aufschrift „Up Edini", „einzige Hoffnung". Es wurde 1943 errichtet, später von den Kommunisten gesprengt und 1992 wieder aufgestellt. Die am Boden liegen gelassenen Trümmer des ersten Kreuzes dienen zur Mahnung. 

Von den Gipfeln, gleich ob vom östlichen, mittleren oder westlichen, sollten wir nun das genießen, was unser Hauptmotiv für diese Sonntagstour gewesen war: eine der weitesten Aussichten Mitteleuropas. Nun, es war ein wenig diesig, nebelig gar, im Westen wolkenverhangen. Kurz und gut, mit der Sicht stand es nicht zum Besten. Waren wir enttäuscht? Höchstens ein bisschen, denn der Aufstieg in lustiger Runde, das interessante Gespräch mit Uroš, der wundervolle Urwald und nicht zuletzt die Vorfreude auf die slowenische Bauernküche im Rudijev dom, entschädigten uns weidlich für den fehlenden Fernblick.

Der Zauberwald (Foto © Josef Wallner)

Aber was haben wir eigentlich verpasst? Wir lesen wieder in einem der alten Reiseführer nach: (Zugegebenermaßen, Sie brauchen nun ein wenig Muße und Konzentration, können aber gerne schnell nach unten scrollen.) „Am Berge angekommen, fühlt man sich tief gefesselt, mächtig überwunden, von so viel zauberischer Naturpracht. Stille steht die schönste Naturlandkarte von sechs Kronländern unserer großen Heimat vor dem Auge ausgebreitet…" Mancher Reiseführer legt hier sogar noch das eine oder andere Kron- (bzw. Reichs-)land drauf: Der Donati biete „Aussicht über Steiermark, Kärnten, Krain, Kroatien, Bosnien, Ungarn, [Ober- und Nieder-]Oesterreich und Salzburg." Jedenfalls tauchen vor unserem Auge Gebirge und Täler auf, deren Namen den meisten Österreichern nicht mehr geläufig sind, obwohl sie nur wenig von unserer Grenze entfernt liegen: „Wenden wir uns zunächst dem Westen zu, wo vor allem der mächtige Bachergebirgszug [Pohorje] auffällt. Neben den vielen Ansiedelungen zählt man längs des ganzen Bergstockes bei 50 Kirchen, viele Schlösser, Ruinen und tiefer unten zahllose Rebenpflanzungen, von welchen rühmlichst hervorzuheben sind: die Ruster, Pickerer, Radiseller und Rittersberger Weingärten. Gegen die Ebene zu bemerkt man: Schloß Windenau [Betnava], die Frauheimer Kirche, auch Gut und Ruine gleichen Namens [Fram], die weit sich hinziehenden Weingärten bei Windisch-Feistritz [Slovenska Bistrica] und an deren unterem Saume das Städtchen Windisch-Feistritz mit der in altitalienischem Stile erbauten Burg. 

Von hier westlich erscheinen die Vinarier bei Gonobitz [Slov. Konjice], die Berge: Aulica, Kozjak, Rabensberg [Otemna], das Weitensteiner Tal [Vitanjska dolina], das Schalltal [Šaleška dolina], in dessen Hintergrunde uns der 1695 Meter hohe Ursulaberg [Urslja Gora] bei Windischgraz [Slovenj Gradec] entgegensieht. Aus der Umgebung des Kurortes Neuhaus [Dobrna] zeigt sich uns die Schlangenburg [Kačji grad]. Knapp hinter dem Ursulaberge türmt sich der hohe Petzenberg in Kärnten auf. Bei sehr günstigem Wetter, meist nur in heiteren Wintertagen, sieht hinter dem Petzen der Ankogel hervor. Malerisch, wie von keinem anderen Punkte, erscheinen die herrlichen Sanntaler Alpen [Savinjske Alpe]. Zuweilen ist auch die höchste Spitze der Julischen Alpen, der Terglou (Triglav) neben den Sanntaler Alpen links zu erspähen.

Der Zauberberg (Foto © Norbert Eisner)

Vor den Sanntaler Alpen [Savinjske Alpe] liegt das von der wundertätigen Sann [Savinja] durch-flossene Sanntal [Savinja Dolina], geschmückt mit einer großen Zahl von Kirchen, Gehöften, Schlössern, kultiviertem Land und Waldgruppen. Dasselbe begrenzt gegen Nord der Drau-Savezug, gegen Süd die Cillier Berge. Hinter dem Sanntale erhebt sich links die Sklza planina und rechts die etwas entfernteren Praßberger Alpen [Golte] Auf dem 731 Meter hohen Ölberge [Gora Oljka], rechts im Sanntale, ragt eine imposant gelegene, zweitürmige Wallfahrtskirche in die Lüfte; unter ihr das Schloß Schöneck [Šenek], darauf die Ruinen von Sanegg [Žovnek], des Stammschlosses der mächtigen Grafen von Cilli. Mitten im Tale liegt St. Peter [Šempeter], rechts das Schloß Neukloster [Novi klošter] und hinter diesem die ehemalige Malteser-Kommende Heilenstein [Polzela]. Unter St. Peter, gegen Cilli [Celje], bemerkt man Sachsenfeld [Žalec], an der Straße weiter herab das Schloß Neu-Cilli [Nova Celje], rechts von diesem Salloch [Zalog]. Noch näher herangerückt befinden sich einige Kirchen, sie gehören zu Cilli, welches man vom nicht sehen kann, wohl aber die ober der Stadt gelegene Ruine Ober-Cilli [Celjski Grad]. 

Von diesen Ruinen herwärts ragt uns das zerfallene Reichenegg [Rifnik] im Anderburgtale, der Wallfahrtsort St. Marein [Šmarje] mit der Rochuskirche und Schloß Erlachstein [Jelše], die Ritter-feste Süssenberg [Sladka Gora] und Kostreinitz [Kostrivnica], die Kirchen Rodein [Rodne], Drei¬faltig-keit [Sv. Trojica], der Janinaberg, Triestinerkogel [Tržaški hrib], der Bergrücken des Wotsch [Boč] und Plesivec, die Pfarrkirche St. Florian am Wotsch [Sv. Florijan ob Boču] und, ganz nahe an den Donati¬berg gerückt, Maria Loretto [Sv. Marija pri Šmarju].

Der Zauberberg (Foto © Josef Wallner)

Können Sie noch schauen? Gut, dann weiter:

Südlich reihen sich an die Cillier Berge die Tüfferer und Trifailer Berge an; in deren Nähe erhebt sich der Kumberg [Kum] bei Steinbrück [Zidani most], etwas tiefer erscheinen einige Anhöhen von Gottschee [Kočevje]. Herwärts werden die Montpreiser, Drachenburger, Wiseller und Klanjecer Berge sichtbarer, welche sich schon an die Agramer Berge anschließen. In der Richtung gegen den Kumberg liegt der stark eingesattelte Kozje bei Römerbad [Rimske Toplice]. Vor den Montpreiser und Drachenburger Bergen liegen: Süssenheim [Žusmo] mit zwei Kirchen, Babenberg [Babna Gora] mit zwei Kirchen und die Rudencaberge; mehr herwärts Windisch-Landsberg [Podčetrtek], St. Urban, St. Emma, St. Peter in Kroatien mit S. Ivan und Kis Tabor. Vor den Wiseller Bergen bemerkt man den Königsberg [Kunšperk], St. Peter bei Königsberg [Bistrica ob Sotli] mit dem ‚heiligen Berg' [Sv. Gora], den Veternik bei Drachenburg [Kozje], Groß-Tabor, Vinagora, die Pregradaer Berge, Maria taborska und in unmittelbarer Nähe Rohitsch [Rogatec] mit dessen Ruine und Schloß Stermol [Strmec]. Gegen die Klanjecer Berge liegt: der Kaiserberg [Kraljev vrh] in der Nähe des Königsbergs [Sv. Gora], aber schon in Kroatien, vor uns die Pfarrkirche St. Rochus, Lupinjak und Kostelj. Bei Rann [Brežice] über der Save wird das Schloß Mokric [Mokrice] in Unterkrain [Dolenjska] sichtbar. Ganz hinten begrenzt das Uskokengebirge [Gorjanci/Žumberak] den Süden. Verfolgt man die Landschaft gegen Ost, kommen südöstlich die Agramer Berge in den Gesichtskreis, vor welchen sich das mit Kirchen und Edelhöfen gezierte Zagorien [Zagorje] zeigt. Bei Agram [Zagreb] tritt der Bärenberg [Medvednica] mit dem Oroslavjetale hervor, kraljevi vrh und Maria bistra erscheinen in demselben. Östlich von der Burg Kaiserberg [Cesargradu] sieht man St. Magdalena [Kapela] bei Krapina-Töplitz [Krapinske Toplice], hinten das Hügelland von Zagorien, mehr herwärts, einen Teil des Pregradaer Tales [Pregradska dolina].

Der Zauberwald (Foto © Josef Wallner)

Einmal geht's noch:

Östlich von uns erscheinen die Krapinaer Berge, das Ivancicagebirge, der Hl. Dreikönigsberg [Komin], Warasdin [Varaždin] mit einigen kleinen Kirchen, das Kaiser Constantinbad bei Warasdin [Varaždinske Toplice], Csakaturn [Čakovec], der Plattensee [Balaton], Polstrau [Središče], Friedau [Ormož], die Luttenberger Berge mit Jerusalem, die Warasdiner Ebene, Meretintzen [Muretinci], Ankenstein [Borl], das Macelgebirge [Macelj] und die nahen Nivicaberge. Gegen Nordost erscheinen die Csakaturner Berge, hinter welchen die Kanizsaner Berge liegen. Vor dem Murtale bemerkt man die Radkersburger Höhen mit dem Kapellenberge [Kapelski vrh], näher das Schloß Negau [Negova], die Kirchen hl. Dreikönig [Sveti Trije Kralji], Dreifaltigkeit [Sv. Trojica], St. Antoni, St. Andrä [Sveti Andraž], St. Thomas [Sveti Tomaž], Polonschak, St. Urban, das Schloß Dornau [Dornava], neben dem die Stadt Pettau [Ptuj] liegt.

Am Ziel (Foto © Norbert Eisner)

Zwischen Pettau und dem Donatiberge sind: St. Lorenzen [Lovrenc], Maria Neustift [Ptujska Gora], Lichtenegg [Podlehnik], Dreifaltigkeit und Johannesberg [Janški vrh] mit einer Kirche. Mehr gegen Nord erscheinen die Gleichenberger Kogel mit dem Schlosse Gleichenberg, die Kirchen Hoch-straden, Schloß Guttenhag [Hrastovec] und Riegersburg, St. Barbara, St. Martin. Weiter gegen Nord der Kulmberg bei Weiz mit dem anschließenden Rabenwald. Die äußerste Grenze bildet der Hochschwab, der Schneeberg und das gegen Ungarn ziehende Wechselgebirge. Vor diesen türmen sich auf: die Brucker- und Fischbacher Alpen, der Schöckel und Plabutsch bei Graz. Unter Graz erscheint der Wildonerberg mit den Sausaler Höhen, der Wöllingberg mit Maria-Schnee [Maria Snežna], Windisch-Büheln [Slov. Gorice], Hl. Kreuz [Sv. Križ], St. Urban und die Stadt Marburg [Maribor]. Gegen Ost von Marburg wird man des Schlapfenberges [Mellingberg/Meljski hrib] an-sichtig, an den sich Frauenberg [Gorca] und St. Peter [Šempeter] anreihen. An den Bacher [Pohorje] gelehnt ist das Schloß Hausambacher [Pohorski dvor], die Pfarrkirche Schleinitz [Slivnica] und Schloß Kranichsfeld [Rače]; schon etwas westlich hin Unter¬pulsgau [Spodnja Polskava] und Pragerhof [Pragersko]. Zwischen diese und den Donatiberg schiebt sich die Kolos [Haloze] und ganz in der Nähe unseres Beobachtungspunktes liegt die Pfarrkirche Stopertzen [Stoperce], am Fuße des Donatiberges selbst und streng gegen Norden gelegen, das Kirchlein Nadole [Nadolle]." 

So, Sie haben es geschafft. Gratuliere. Haben Sie alle Berge, Hügel, Seen, Kirchen und Schlösser entdeckt? Nein? Seien Sie nicht enttäuscht. Unsere slowenischen Freunde haben schon vor dem Aufstieg leise, vielleicht etwas mitleidig gelächelt, als wir ihnen von der zu erwartenden Aussicht vorschwärmten. Die alten Reiseschriftsteller dürften über sehr, sehr gute Augen verfügt haben oder die Luft war annodazumal viel klarer. Wer weiß. Jedenfalls geschwindelt, geschwindelt haben sie sicher nicht… 

Und so steigen wir vollkommen befriedigt über den Frölich-Weg durch den herrlichen Buchenwald zur Hütte ab. Dort erwarten uns Sterz, Apfelstrudel und der bei einer slowenischen Wanderung unvermeidliche Schnaps. Nach dem letzten Stück unserer Wanderung sind wir schon wieder hungrig und so geht's noch nach Rohitsch-Sauerbrunn-Rogaška Slatina, einst das steirische Karlsbad genannt. Im alten säulengeschmückten Kurhaus, am Giebel der ehemals landeseigenen Kuranstalt prangt noch immer der steirische Panter, gibt's eine herrliche Gibanica. Wär es nicht schon so spät, sollten wir, um unseren Kalorienhaushalt wieder in die Balance zu bringen, nochmals auf den Donatiberg oder zumindest den nahen Triestiner Kogel-Tržaški hrib marschieren, aber so ziehen wir es vor, durch den unverkennbar altösterreichischen Ort zu spazieren und die eine oder andere kakanische Reminiszenz zu entdecken. Aber das ist schon wieder eine andere ask-enrico-Geschichte.

Rohitsch Sauerbrunn, die Reste vergangener Pracht (Foto © Josef Wallner)

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Reisen in der Untersteiermark|Štajerska
Unbekanntes Slowenien. Reisen auf Altösterreichs Spuren in Krain und Laibach.

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Dober tek, Slowenien
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